Al Jarreau

Ich muss zugeben: Al Jarreau war für mich der erste Kontakt mit modernem Jazz, Live. Zuvor war ich bei einem Rock-Konzert gewesen – und fand es grauenvoll! David Bowie sah zwar erwartbar gut aus, aber der Sound in der Frankfurter Festhalle war zu laut und ganz entsetzlich: Vor lauter Trommelfellverstopfung wusste ich gar nicht, welcher Song grad gespielt wurde. Dann hörte ich damals zum ersten Mal auf SWR3 die Musik von Al Jarreau, fand sie spannend genug, um das angekündigte Konzert in der nahe gelegenen Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst zu buchen. Wow! Jede Note verständlich, die Musik komplex und ziemlich mitreissend. Aus dieser Reihe von Live-Performances entstand dann dieses schöne Doppel-Album „Look to the rainbow – Live in Europe“. So fing es an.

Heute könnte ich behaupten, ein gaaanz abgeklärter Jazz-Hardcore-Fanatic zu sein, für den Gott zur Rechten von Trane sitzt z.B. – aber das würde Al Jarreau ebensowenig gerecht wie den vielen anderen Musikern.

Insofern ist die jüngste Veröffentlichung des begnadeten Gesangsartisten „My Old Friend: Celebrating George Duke“ nicht nur eine Reminiszenz an alte Geschichten – nein, nicht vom Krieg, aber von Kultur und Entwicklung. Sondern sie spiegelt auf gleich mehreren Ebenen das große weite Feld von Jazz und anverwandter Musik für mich, als da wären: George Duke begegnete mir als kongenialer Musiker im Umfeld von Frank Zappa, zu dessen Stammband er eine ganze Weile zählte. Zappa wiederum hat mir erst die Welt musikalisch komplexer Strukturen geöffnet und mich dafür begeistert. Unabhängig von seinem hinlänglich bekannten Satz „Jazz is not dead – it just smells funny“ hat er mir eigentlich so richtig den Weg zum Jazz geebnet. 

Auf dem Weg zu dieser Begeisterung begegnen mir nun auf der neuen Scheibe von Al Jarreau alte Bekannte wieder: Marcus Miller etwa. Dessen Album „Live & More“ liebe ich einfach! Wobei die Erinnerung hier etwas verschwimmt: Bin ich da allein drauf gekommen oder fällt das schon in die Phase, wo ich den wunderbaren Empfehlungen eines echten, leibhaftigen Jazz-Musikers folgte und dabei sehr, sehr viel gelernt habe? Mein Saxophon-Lehrer Mike Patzelt hat mir das allermeiste über guten Jazz, gute Musik beigebracht, wofür ich ihm noch heute zutiefst dankbar bin! Heute bin ich stolz wie Bolle, wenn ich ihm eine Entdeckung präsentiere, die er auch gut findet. Sein Wirken war nicht umsonst!

Die Begegnung mit Musikern wie ihm zählt für mich bis heute zu den großartigsten Erfahrungen in meinem Leben. „Open-minded“ gehört bei denen zur Grundausstattung. Kategorien interessieren die nicht, entscheidend ist der Sound, das „Feeling“ damit. Purismus ist was für Kritiker, nicht für Kreative.

Ewig in Erinnerung wird mir auch das Gespräch mit Charles Lloyd bleiben, das ich am Rande des Wiener Jazzfestivals mit ihm führen durfte: Ein freundlicher älterer Herr, ganz ohne Starallüren, der selbst meine dümmsten Fragen beantwortete – wie etwa die, wie er diesen wunderbaren, einzigartigen Sound auf seinem Tenor-Saxophon hinbekommt („I just do it!“). Heute wäre ich etwas schlauer, aber nicht viel. Er macht immer noch großartige Musik. Das ist der Unterschied. So viel Demut muss hier sein.