Polen

Mein lieber Vater, Dr. Klaus Birghan, war unter anderem Vertriebener, Schlesier, genauer: Oberschlesier. Er war auf einer polnischen Schule, sprach fließend Polnisch. Dann kamen die deutschen Truppen, um ihn zu befreien. Er fühlte sich nicht befreit.

 

Obwohl sein eigener Vater wiederum zum Kriegsende in einem polnischen Lager starb, dachte er nie in Rache-Kategorien. Mir und jedem, der es nicht hören wollte wie seine Mutter, hat er immer gesagt: Die Deutschen haben den Krieg angefangen! Über die Folgen durften sie sich nicht wundern – oder so ähnlich, sinngemäß jedenfalls. Vertriebenenverbänden und ihrer Agenda war er zutiefst abhold. 

Dafür hat er Israel und deren Sache immer die Daumen gedrückt. Eine meiner ersten Erinnerungen an Politisches ist der Sieg Israels im 6-Tage-Krieg 1967: Mein Vater führte sich auf wie andere Väter, deren Lieblingsverein gerade Meisterschaft und Champions-League gewonnen haben. Die Israelis entführten ihre bereits bezahlten Schnellboote aus Frankreich? Yeah! 

Das hat mich geprägt. Hoffentlich auch seine Art, auf jeden zuzugehen, egal ob Taxifahrer, Gärtner, Putzhilfe oder Geschäftsführer. Er hat sich immer interessiert für andere. Offen positiv die Herangehensweise an Fremde. Ja, da war er Vorbild für mich. Ich habe das lange gar nicht gemerkt.

Über seinen Beruf lernte er einen Polen kennen. Eine Freundschaft entwickelte sich. Es gab sogar Anwerbeversuche irgendeiner klandestinen Seite, die mein Vater im Klo runtergespült hat. Ich erinnere einen Mann mit sehr traurigem Gesicht, der Geschenke mitbrachte, über die Freude zu heucheln eine nette Geste war: Der Wodka landete in der Apotheke, die Schokolade im Müll und mein Nachbau der sowjetischen Version der Concorde im Verhältnis 1:keineAhnung war zurecht ein Einzelstück. Aber die Aufnahmen vom Chopin-Wettbewerb! Die waren toll, soviel habe ich mitbekommen.

Später erst habe erfahren, dass mein Vater für besagten Polen Geld in Deutschland angelegt hatte. Es lief wohl auf seinen Namen, war aber für die Familie in Warschau gedacht. Leider ist der Fall eingetreten: Der nette Mann mit dem traurigen Gesicht starb, und mein Vater hat natürlich seine Familie mit dem Geld versorgt. 

Ob er da was wieder gut machen wollte? Keine Ahnung. Immerhin: Der Vater war Geschäftsführer einer deutschen chemischen Fabrik, die durchaus „kriegswichtige“ Stoffe herstellen hätte können. 

Für meinen Vater, Dr. Klaus Birghan, würde ich meine Hand ins Feuer legen. Der hat nix Schlimmes gemacht. Dazu wäre er ebensowenig in der Lage wie sein Sohn.