Versteckte Kamera

Gerade einen Beitrag auf Kabel1 gesehen in der Reihe „Abenteuer Leben“: Es ging um Plagiate in Hongkong. Viel wurde da mit versteckter Kamera gedreht, um am Ende festzustellen, dass die Plagiate doch nicht so gut sind wie die Originale. Ach was! Mit dem gleichen Erkenntnisgewinn hätte ein Reporter-Team auch ans Meer reisen können, um mit versteckter Kamera rauszufinden, dass das Wasser nass, kühl und – Überraschung! – salzig ist.

Es soll ja tatsächlich Touristen geben, die glauben, dass die sagenhaft günstigen T-Shirts auf den Märkten von Bangkok oder Hongkong tatsächlich echt sind. Das dürfte allerdings eine verschwindende Minderheit sein. Die Mehrheit weiß, was sie kauft: Fälschungen nämlich. Sie wollen halt für die echte Rolex keine mehreren Tausend Euro ausgeben, sondern nehmen lieber das Plagiat für bestenfalls ein oder zwei Hundert. Wenn die gut gemacht ist, kann der Käufer damit sogar einen Pfandleiher reinlegen, wenn er das will – was ich mal mit einem Freund vor vielen Jahren getestet habe. Hätte geklappt, wenn wir tatsächlich das Ding dagelassen hätten. Haben wir aber nicht.

Denn der hauptsächliche Betrug findet hier weniger im wirtschaftlichen statt, sondern im gesellschaftlichen: Träger der Fakes wollen etwas zeigen, was eigentlich gar nicht da ist: Monetäre Potenz, sich diese Dinge leisten zu können. Betrogene sind in der Hauptsache nicht die Firmen (kein Kegelbruder aus dem Ruhrpott würde eine echte Rolex kaufen, also kann der Firma hier kein Schaden entstehen, auch wenn das gerne so umgerechnet wird), sondern Freunde, Bekannte und Nachbarn. 

Für diese zurückgebliebenen Spießer macht u.a. Kabel1 gern Programm. Da wird geraunt und gewarnt, dass es nur eine Art hat. Die Verkäufer: Alles Betrüger! Natürlich. Das Einverständnis zwischen Käufer und Verkäufer, dass, so behaupte ich, in den allermeisten Fällen besteht, wird lieber nicht thematisiert. Das einfachere Feindbild ist eben der vermeintlich skrupellose Händler, der Fälschungen dem dummen Touristen andreht. 

Wobei dieses Bild gleich doppelt falsch ist: Nicht nur, dass die meisten Touristen sehr wohl wissen, dass eine Rolex für wenige hundert Euro kaum echt sein kann, sind die Straßenhändler in Asiens Metropolen nur ein Glied in einer langen Kette einer Industrie, die sehr gut verstanden hat, dass im Westen Schein oft sehr viel wichtiger ist als Sein. Die Gewinner des Geschäfts lassen die Fälschungen in irgendwelchen Hinterzimmerfabriken in China fertigen und sie schöpfen den meisten Rahm ab. Meist haben großkriminelle Netzwerke da ihre Hand im Spiel. Der Straßenhändler dürfte in der Nahrungskette eine ähnliche Rolle spielen wie die Handwerker in den illegalen Fabriken.

Soviel Journalismus dürfen wir den Privatsendern aber nicht zutrauen. Sie setzen lieber auf Stimmung und Stimmungsmache. Da wird dann eben in nicht enden wollenden Serien („Achtung Kontrolle!) endlich der Raser, Rechtsüberholer und Drängler erlegt (was in der Realität kaum stattfindet). Kein Wort über die auf der linken Spur festgetackerten VW-Passat und SUV-Fahrer, die nicht glauben wollen, dass jemand schneller fahren kann als sie. Oder es nicht wollen, als Oberlehrer. „Meine Geschwindigkeit ist vernünftig – Du nicht!“

Im Privat-TV hat der Spießer eben noch ein echtes Zuhause. Für die Werbeindustrie ist das wahrscheinlich eine gute Botschaft. Wo sonst sollte die ihre schwachsinnigen Botschaften loswerden?