Ad Populismus

Harald Staun, mir noch als schüchterner Nerd in der Redaktion von Focus Online in Erinnerung, hat der FAZ einen Text geschenkt, den sie leider angenommen hat: „Eine Verteidigung des Populismus“.

Er zieht dazu allerlei abseitige Philosophen heran, um schließen zu können: Etwas Populismus habe noch keinem geschadet, könne im Gegenteil ein „Weg in eine postkapitalistische Zukunft“ sein – „man müsse ihn eben nur mit dem Projekt einer besseren Zukunft verbinden.“ Im Anti-Populismus verortet Staun dagegen Beharrungskräfte des Konservativen gegen die neue Zeit.

FAZ-Herausgeber und -Chefredakteure! Aufgepasst! Das ist nicht nur Unfug, sondern auch noch gefährlich.

Dass Kommunikation nur Ergebnis- oder Handlungs-orientiert dann funktionieren kann, wenn die Diskutanten die Bedingungen der Kommunikation aushandeln und darüber Übereinstimmung erzielen konnten; tja, schlag nach bei Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. Da steht das schon alles drin, ganz ohne Populismus und Quellen, die der Autor nur dazu heranzieht, um zur Verteidigung das klassische „Hast Du das im Original gelesen?“ hervorziehen zu können. 

Das gefährliche ist diese Definition von Populismus: Da werden nicht nur Bewegungen wie Podemos und Pegida in einem Topf verrührt, es werden Giannis Varouifakis und Bernie Sanders als Beispiele aufgeführt.

Was also in Wahrheit stattfindet, ist eine konsequente Verharmlosung des Populismus. Pegida Arm in Arm mit Podemos. So erscheinen die faschistischen Tendenzen, die den großbürgerlichen FAZ-Leser so ängstigen, doch gleich in viel milderem Licht. Alles nicht so schlimm.

Staun möchte den Populismus entmystifizieren, seine Bedeutung aus nationalsozialistischer Zeit wegnehmen, diese Verbindungen kappen. Klassenbewußt definiert er die armen Massen in ihrem Furor als leider unfähig, diesen etwas genauer zu artikulieren als bloß „Merkel muss weg“, „Wir sind das Volk“ und „Lügenpresse“ zu blöken. Homogene gesellschaftliche Gruppen, „etwa im Kampf verschiedener Klassen“ haben sich in seiner postmodernen Sicht zugunsten von „heterogenen Partikularinteressen“ aufgelöst. Der Klassenkampf, Pardon: die Revolution fällt aus, weil P. demnach als Ventil wirkt. So merkt das System westliche Demokratie, das was nicht stimmt irgendwo. Etwas verkürzt, zugegeben.

Dennoch höre ich einerseits den zuständigen FAZ-Redaktionsleiter förmlich aufatmen, dass am Ende des Textes, trotz Begriffen wie „post-kapitalistische Zukunft“ Revolution und Klassenkampf, oder gar, horribile dictu, der Kommunismus ausfallen.

Wer gegen Populismus ist, so die letzte Volte in diesem grottenschlechten Text, ist eigentlich gegen den Wandel der Moderne; Mainstream ist dabei „Konsens der Mitte“, Kritik daran werde als Extremismus diffamiert. „Anti-Populisten“ wird zu einer weiteren Spielart des landläufigen Populismus nach Staune Lesart.

Auf diese Weise gelingt dem Autor zweierlei: Die Populisten à la Petry, Höcke, Hetze & Konsortien dürfen sich als Avantgarde verstanden fühlen, während ihre Kritiker als die letzten wahren Populisten diskreditiert werden. 

Vielleicht wäre der Redakteur Harald Staun als Kleinbürger mit faschistischen Visionen inzwischen bei der „Jungen Freiheit“  besser aufgehoben.