Aktuelle CDs 2

Erst dachte ich, das ist doch Beutelschneiderei: Solo-Live-Mitschnitte aus zehn Jahren zusammen zu schneiden und dann auf den warmen Markt (vor Weihnachten!) zu werfen. Und noch eine dicke Box draus machen und viel Geld dafür verlangen – nicht mit mir!, redete ich mir davon ab. Denn eigentlich mag ich die Sachen von Brad Mehldau, dem amerikanischen Jazzpianisten. 

Es endete in einem Kompromiss: Ich habe die Sachen „nur“ runtergeladen, dann Booklet ausgedruckt und Musik auf CDs gebrannt, damit ich sie auch auf der heimischen Anlage  – kurz, habe mein Scherflein zum Produktionsprozess beigetragen. Das Ergebnis ist insbesondere ästhetisch (Cover + Liner-Notes) nicht ganz befriedigend und halt nicht auf professionellem Niveau. Der Musik tut das aber nix.

Nach dem Anhören des ganzen Sets, mehrmals, mitunter in einem Stück hintereinander weg, muss ich zugeben: Schön. Wie eigentlich bei Mehldau nicht anders zu erwarten. Wunderbar seine Versionen von etwa Pop-Melodien: Wie er sie vor Publikum erst vorführt, äh, -spielt, um dann seine eigenen Variationen auszubreiten. Und wie jeder gute Koch oder Improvisationskünstler schmeckt er mehrmals ab, rührt wieder um, wechselt das Tempo. Ein gutes klassisches Rezept darf schließlich ebenfalls neu interpretiert werden! Also kommen andere Klangfarben, Gewürze, Töne dazu – ohne die Substanz zu verfälschen.

Mit Brahms geht er mir zugegebenermaßen auf den Sack. Aber das kann anderen anders gehen. Und ist nur ein Stück. Allerdings gibt es einen unangenehmen Nebeneffekt, wenn der Hörer die ganzen Solos hintereinander in einem Rutsch hört: Es reicht dann erst mal mit Brad Mehldau.

Kleiner Einschub: Ich interpretiere „Aktuell im CD-Player“ jetzt mal so offen, dass es nicht unbedingt eine ganz neue Scheibe sein muss, die sich in der Schublade befindet. Ist bei wohl jedem so, dass zwischendrin auch mal was älteres läuft. Daher …

Was aktuell bei mir häufig zu hören ist: Nik Bärtsch mit gleich zwei CDs. Das Sounderlebnis muss man sich als eine Mischung von Jazz und Elementen der Minimal Music vorstellen. Auf mich hat es jedenfalls eine geradezu hypnotische Wirkung! Und damit ist beileibe weder einschläfernd noch langweilig gemeint! Im Gegenteil entfalten seine Live-Loops, die teilweise ineinander, manchmal gegeneinander fließen, eine ganz eigene Spannung. Ich schreib jetzt extra nicht den klassischen Killersatz aus meiner Jugend, wenn Musik schwierig, sperrig oder schlicht anstrengend war: Da musst Du Dich erst drauf einlassen. Konnte schlicht Hörarbeit bedeuten. Oder einfach ganz schreckliche Sachen. Deswegen nur: Anhören lohnt sich!

Mit meinem letzten Tipp für heute haue ich in eine Furche, die derzeit viele vor mir schon gezogen haben. Sei’s drum. Zwar wird also der Michael Wollny geradezu überschüttet mit Kritikerlob, Preisen und Auszeichnungen – was mich eigentlich eher zurückhaltend reagieren läßt; zu oft bin ich da für mich reingefallen – da reihe ich mich halt mal ein. Denn versuchsweise habe ich eine CD getestet, die seitdem fast in der Endlosschleife läuft: Die Nachtfahrten. Und wenn ich bei Nik Bartsch schon von hypnotischer Wirkung schrieb, gilt dies für die Musik von Wollny & Kompagnons mindestens im gleichen Maß. Und was ich dazu schreiben kann: Das wird sicher nicht die letzte Scheibe von ihm gewesen sein, die ihren Weg zu mir findet!


Angenehmes Hörerlebnis! Ganz im Sinne des Mottos von Frank Zappa: 

MUSIC IS THE BEST

Dem ist nichts hinzuzufügen.