Arbeit & Kapital

Nicht der erste, der vor den Folgen von „Industrie 4.0“ u.ä. Entwicklungen warnt: Erik Brynjolfsson, immerhin Professor für Betriebsökonomie am MIT in Boston, schlug einmal mehr ein paar Pflöcke ins öffentliche Bewusstsein beim Interview mit der NZZ. „Millionen Arbeitsplätze werden verschwinden“, läßt er sich zitieren. Und den Taxifahrern, die durch das Startup Uber bedrängt werden empfiehlt er, sich gleich „neue Fähigkeiten aneignen und nach anderen Jobs Ausschau halten“. 

Keine Frage, Algorithmen und Roboter werden in den nächsten Jahren zunehmend Tätigkeiten übernehmen, die bislang noch von Menschen ausgeführt werden – meist gegen Bezahlung für die Arbeitszeit. Das wird sich, je nach Branchen, teilweise schleichend, teilweise aber auch ebenso dramatisch wie abrupt ändern. Ob mechanische Tätigkeiten, die immer gleich wiederkehren oder Verwaltungsaufgaben, die nach sehr vergleichbaren Mustern ablaufen – sie alle können durch Maschinen und ihre Software ersetzt werden; und werden es auch.

Die Überzeugung, dass im gleichen Maß, wie Arbeitsplätze zerstört werden durch diese Entwicklung (disruptiv lautet das Modewort aus der Ökonomie in diesem Zusammenhang), zugleich neue Arbeitsplätze geschaffen werden, erinnert Brynjolfsson zwar und trägt sie pflichtschuldig vor. Doch sie ist lesbar irritiert und nach seiner Überzeugung beileibe kein Automatismus: Staaten und Gesellschaften müssten demnach proaktiv dieser Entwicklung Rechnung tragen.

Anforderungen an Bildung werden sich ändern

Bildung ist sein erstes Stichwort. Wobei es sich mit der Bildung ein wenig so verhält wie mit dem Weltfrieden: Kein vernünftiger Mensch ist dagegen, die meisten wollen sie, aber bei der Umsetzung spätestens scheiden sich die Geister.

Auf jeden Fall wird dem Bereich Bildung, geht es nach dem MIT-Professor, eher noch mehr aufgehalst: Weniger Wissen zum auswendig lernen (können Maschinen besser speichern und auf Knopfdruck immer gleich gut präsentieren), statt dessen mehr Erlernen von Fähigkeiten und Fertigkeiten, bei denen die Apparate und Algorithmen (noch) versagen. Dazu zählt er Pflegeberufe und die dafür notwendige menschliche Zuwendung ebenso wie kreative Berufe mit ihren Anforderungen an das Schöpferische im Individuum. Und die Überzeugungsarbeit der Verkäufer und Werber bleibt nach seiner Vorstellung ebenfalls menschliche Aufgabe.

Was dabei nicht explizit ausgesprochen wird, ist der Umstand, dass bei allem Wohlwollen gegenüber dieser Entwicklung absehbar bleibt: Es werden viele Menschen und ihre Arbeitsplätze auf der Strecke bleiben! Wer künftig den nochmals gestiegenen Anforderungen eines veränderten Arbeitsmarktes nicht entspricht, wird sich nicht mehr selbständig durch Arbeit ernähren und versorgen können.

Nicht umsonst spricht Brynjolfsson am Ende des Interviews die Problematik der Verteilung des Reichtums an und bringt die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ins Spiel. Denn Gesellschaften, Staaten werden nicht drumrum kommen, diese Fragen zu beantworten: Was machen wir mit den Menschen, die aus den notwendigen Produktionsprozessen der Zukunft herausfallen? Und wie sorgen wir zugleich dafür, dass diese Menschen nicht dauerhaft abgehängt werden vom Rest der Gesellschaft – mit allen drohenden Folgen?

Grundeinkommen und Beschäftigungstherapie?

Denn die Folgeentwicklungen sind ja heute bereits in Ansätzen erkennbar. Wenn junge Männer etwa ohne ausreichende Bildung und Abschluss keine Perspektive entwickeln können, kommen manche von ihnen auf dumme Ideen. Das war früher schon so, wenn etwa junge Deutsche einem selbsternannten „Führer“ hinterherliefen und ihm dabei in einen Weltkrieg gegen alle und jeden folgten. So ist es heute der Fall; sei es, dass Zukurzgekommene den Populisten von AfD, Pegida & Co nachplappern, oder seien es ehemals säkular lebende Muslime in westlichen Vorortsiedlungen, die plötzlich Hardcore-Auslegungen des Koran entdecken zur Hebung des eigenen, ramponierten Selbstwertgefühls.

In den Ursachen für ihren Weg wie in ihrem Hass fänden Rechtspopulisten und Islamisten schnell zu einander  – da weisen beide verblüffende Parallelen auf. Zur genaueren Ursachenforschung sowie zur Bekämpfung dieser Trends ergibt sich wiederum ein breites Tätigkeitsfeld für allerlei Soziologen, Psychologen, Sozialarbeiter und Betreuer nebst Anhang. 

Nach dem Grundeinkommen wird die nächste Frage zu beantworten sein: Welche Instrumente müssen Gesellschaften entwickeln, um die abgehängten und grundversorgten Gruppen sinnvoll zu integrieren, zu beschäftigen mit einer befriedigenden Tätigkeit, die sie ausfüllt?

Da wären ein paar Visionen durchaus gefragt.