Bürger, ade

Thomas Schmid hat sich auf welt.de dafür beschimpfen lassen müssen, völlig zu recht in vormals bürgerlichen Kreisen eine Verrohung und Enthemmung zu diagnostizieren. Ich fürchte, das Problem dafür liegt tiefer.

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Die Mitte der Gesellschaft erodiert, der verbliebene Rest lebt in ständiger Bedrohung vor dem Absturz. Das System Bundesrepublik Deutschland hat Sicherheiten für diese breite Schicht der Gesellschaft abgebaut. Diese wirtschaftliche Entkernung hat nun Folgen.

Wer zunehmend das Gefühl bekommt, im Wettbewerb mit Bankern leider nicht systemrelevant genug zu sein, um gerettet zu werden, wendet sich gegen das System.

Wer heute mit Mitte 50 aus dem Erwerbsleben aussortiert wird, fragt sich bang, wie er so bis 67 oder bald 69 arbeiten soll für eine menschenwürdige Rente und privat Vorsorge treffen. Abitur, Studium abgeschlossen, Beruf gehabt, wenig soziale Auffälligkeiten – und dennoch ist das Prekäre ganz nah. Die Bildung für die Katz.

Zugleich sind die einst bürgerlichen Tugenden erodiert. Mit Sachen wie Anstand, Stil, Takt und humanistischen Grundwerten wird im digital beschleunigten Turbokapitalismus keiner stinkreich. Rücksichtnahme ist nur noch eine ebenso bedauerliche wie hinderliche Deformation des Charakters.

Bewunderte Gewinner sind heute Typen, die das System gerissen auszutricksen wissen. Und mit Millionen davonkommen. Konzerne, die bei der Regelsetzung kräftig mitbestimmen, denen sie sich anschließend vielleicht ein bißchen unterwerfen wollen. Bürokraten kujonieren lieber kleine Bürger, das macht mehr Spass – schon weil deren Widerstände vergleichsweise gering ausfallen, ja naturgemäß ausfallen müssen.

Den ehrbaren Kaufmann hat man sich als älteren Herrn vorzustellen, der Zeit seltsam entrückt. Modern ist die total dreiste Unverschämtheit. Das Weitere regeln die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die keiner liest, aber alle akzeptieren.

Begleitet werden diese gesellschaftlichen Entwicklungen von einer heiß laufenden Aufmerksamkeitsökonomie in der Postmoderne. Vulgo: Alles geht, wenn es nur Klicks bringt. Sie sind „überrascht", wie wenig relevante Fakten sich heute hinter Anreißern wie diesem wenig überraschenden selbst bei klassischen Medien finden? Wie rasant der Affekt das Räsonieren überholt? Ach, Gottchen, Sie sind sowas von old-fashioned.

Der Niedergang der klassischen Medien geht einher mit dem Untergang des Bürgertums alter Prägung, ist dessen Ausdruck und Mitgift zugleich. Der Bedeutungsverlust spiegelt sich wieder in nachlassender Wirkung. Ehemalige Bürger schmähen sie „Lügenpresse“, und es werden immer mehr (die sie wahrscheinlich schon länger nicht mehr lesen).

Nachdem es das aufgeklärte Zeitalter nicht gerichtet hat, sollen die Anhänger des postfaktischen Affektizismus das Feld bestellen. Sie wollen jetzt das Volk sein.

Ich fürchte nur, das wird keine Lösung sein.