CDU/CSU 2.0

Rätselhaft wie Katze ist mitunter mein Verhalten. Mein politische Mitte steht eher Links, normalerweise. Derzeit stehe ich aber genau auf das, was Bundeskanzlerin Angela Merkel macht. Dabei habe ich sie nicht gewählt, bin eigentlich kein Fan-Boy und lieber kritisch.

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Wer glaubt, seine Katze wieder zu entdecken: Möglich; das ist unsere Besuchskatze. Wem sie „gehört“, wissen wir nicht – © Frederik Birghan 2016

Aber in Sachen Flüchtlingspolitik genießt sie meinen Respekt, Anerkennung und volle Unterstützung! Interessiert vielleicht keinen, ist aber so.

In diese seltsame Konstellation passt auch ein anderer, ein – horribile dictu – CSU-Mann! CSU! Die Partei von Seehofer! Wie geht das denn?

Es handelt sich um den amtierenden Bürgermeister unseres kleinen Ortes am Rande der Stadt. Vor einigen Jahren gab es hier einen spektakulären Politikwechsel: Nach einigen Amtsperioden wurde die SPD-Kandidatin überraschend durch den neuen CSU-Spitzenmann abgelöst. Aus nicht mehr erinnerlichen Gründen (Wechsel fanden wir irgendwie gut damals) haben wir den ersten Erfolg dieses Kandidaten sogar mitverursacht, aber: Psssssst, nicht weitersagen!

Für diese generöse Geste erwarteten wir irgendwie mehr Beachtung. Und als der neue Ortsvorsteher auf eine Mail nicht antwortete, waren wir natürlich beleidigt. Haben ihn bei der nächsten Wahl gnadenlos abgestraft. Und fanden uns hinterher bei der Opposition wieder, bei den Verlierern also. Wir haben uns dann lange nicht mehr so für Lokalpolitik interessiert.

Heute lese ich im hiesigen Anzeigenblatt, dass besagter Bürgermeister in Sachen Flüchtlinge der Meinung ist, es gehöre „mehr Mut dazu, Ja zu sagen und zu versuchen, die Situation so gut es gehe, mitzugestalten, statt sich mit einem unwirksamen, dafür aber publicityträchtigen Nein zu profilieren.“ Mehr noch: Der CSU-Mann läßt sich so dort zitieren: „Bürgerbeteiligung funktioniert hier nicht. Dadurch würde den Bürgern vorgegaukelt, dass sie entscheiden könnten, wie viele Asylbewerber tatsächlich kommen und welche es denn sein sollen. Das ist aber nicht so, das Landratsamt bekommt täglich neue Asylbewerber und muss sie verteilen.“ 

Sehr pragmatisch und herrlich unaufgeregt gibt er seiner Zuversicht Ausdruck, dass die Flüchtlinge „dank der guten Betreuung“ der zuständigen Mitarbeiter für sich eine „Lebensperspektive entwickeln“. Je besser dies gelinge, desto weniger bräuchten die Anwohner Angst haben. Schließlich gehe es darum, asylsuchende Menschen in Arbeit zu bringen und nicht in unsere Sozialsysteme zu integrieren.

Das muss ich erst sacken lassen. Ein CSU-Mann! Sollte die Wahl damals doch kein Fehler gewesen sein? Jedenfalls spricht unser Bürgermeister (jetzt ist er wieder „unserer“) Selbstverständlichkeiten aus, nach denen wir in diesen aufgeregten, geradezu hysterisierten Zeiten nachgerade gieren! Und da ist er, die Ausgabe 2.o eines CSU-Bürgermeisters in Bayern; gelassen und fest auf der Linie seiner, unserer Kanzlerin: Wir schaffen das. Genau. 

Anders als sein Parteivorsitzenden schwadroniert der gute Mann (sic) nicht von einer „Herrschaft des Unrechts“, wenn er über die Flüchtlingspolitik spricht. Er nimmt auch nicht das Wort „Krise“ so fahrlässig in den Mund. Mein Mann!

So ändern sich die Zeiten – und wir mit ihnen. Hätte ich auch nicht gedacht. Egal, wir schaffen das. 

Und obwohl es auch hier Flüchtlinge gibt und immer mehr im Stadtbild zu sehen sind, in den U- und S-Bahnen: Männer einzeln, mit Frauen, mit Frau und Kind, bzw. Kindern, Männer in Gruppen, Menschen jeden Alters – bislang ist mir noch kein einziger irgendwie negativ aufgefallen. Und eine Krise kann ich auch nicht sehen, nirgends, nicht mal den Hauch davon. Alles blödes Gerede! Nur nicht von den „Zittrigen“, Ängstlichen ins Bockshorn jagen lassen! Wir schaffen das.