Einzelhandel am Ende

Der Einzelhandel in Deutschland arbeitet konsequent an seiner eigenen Abschaffung – den Schuss, den die digitale Revolution ausgelöst hat, haben die immer noch nicht gehört. Man beschränkt sich darauf, auf das böse Amazon zu schimpfen: Lohndumping und so. Weil ja der normale Einzelhandel solche Spitzenlöhne zahlt ...

P2080050

Lebendige Märkte mit großem Angebot in Asien (Hongkong)

Ein Beispiel: Neulich wollte ich Schnürsenkel, 80 Zentimeter lang, rund und in den Farben Schwarz, Blau und Rot. Zu diesem Behufe begab ich mich ins Herz des bayerischen Kapitalismus, die Fußgängerzone rund um den Marienplatz in München. Da sollte sich doch sowas leicht finden lassen, dachte ich.

Denkste: Vier bekannte Schuhläden und ein ziemlich großes Kaufhaus später war ich schlauer. Auf Fragen nach meinen Wünschen hörte ich den immer gleichen Satz: „Haben wir nicht.“ Dabei haben mindestens zwei Schuhgeschäfte sogar Schuhe mit solchen bunten Schnürsenkeln verkauft! Nur Ersatz gab’s keinen. 

Im Netz gibt es kein „Haben wir nicht.“ Ein paar Klicks später sind die Schnürsenkel in gewünschter Ausführung, Länge und Farben bereits auf dem Weg zu mir.

Ein gewiefter Verkäufer hätte mir vielleicht angeboten, die gewünschte Ware zu besorgen. Nicht in Münchens Fußgängerzone! Offenbar geht das Geschäft mit der Laufkundschaft aus aller Welt so gut, dass auf Kundengewinnung oder gar  Kundenbindung keinen Wert gelegt wird. Nicht wegen Schnürsenkeln. Aber das Gleiche passierte mir auf der Suche nach einer Reisetasche vor nicht allzulanger Zeit: Ein wasserdichtes Gepäckstück wollte ich, in Signalgelb sollte es sein – ich wusste ja bereits durch Recherchen, dass es das gibt. Im großen Sportgeschäft hieß es dazu nur ebenso bündig wie lapidar: „Gelb haben wir nicht in der Größe.“ Kein Wort von „gibt’s aber, bekommen wir wieder“ oder „kann ich Ihnen bestellen“, nix. Auch diese Tasche fand aus dem Netz zu mir.

Was lerne ich daraus? In Läden zu gucken ist Zeitverschwendung. Als Kunde sollst Du das nehmen, was da ist und Schluss. Sonderwünsche von „König Kunde“ stören nur den zügigen Abverkauf und ansonsten den Informationsaustausch zwischen dem Personal über das nächste Urlaubsziel.

Eingeräumt sei, dass es den kundenorientierten Ladenbesitzer natürlich immer noch gibt. Meist in Nischen wird der Besucher überrascht von tollem Service, guter Beratung und exzellenter Betreuung. Der HiFi-Laden in einer Seitenstraße, seit Jahrzehnten in Familienbesitz, wäre so ein Beispiel. Der Metzger an der Ecke, dessen Angebot tatsächlich in weiten Teilen hausgemacht ist. Aber das ist leider die Minderheit.

Der Rest wird dahinsiechen. Sehr rasch und sehr bald. Und es wird ein großes Heulen und Zähneklappern anheben über die böse moderne Welt. Und kaum ein Mensch wird darauf kommen, was wirklich am Tod der Läden schuld war: Faulheit im Denken und Handeln sowie eine generelle Unlust, Kunden tatsächlich zufrieden zu stellen.

Von mir wird es daher kein Augentröpfeln geben. Der Einzelhandel schaufelt sich selbst das Grab. Mitleid wird absolut unangebracht sein.

Auffällig ist, dass insbesondere Filialen von Ketten gern Personal beschäftigen, das von keinerlei Motivation angekränkelt ist. Der Gesichtsausdruck schreit Missmut, die Stimme tönt in der Lage genervt. Man ist versucht zu fragen: „Wenn Sie Ihr Beruf so quält, warum machen Sie dann nicht was anderes?“ Seltene Ausnahmen bestätigen nur die Regel.

Leicht lässt sich ausmalen, dass es zu Legendenbildungen kommen wird: Die schrecklichen Amerikaner machen hier unsere Läden kaputt, könnte beispielsweise eine lauten. Dass Amazon einen hervorragenden Service bietet, wird dann gern unterschlagen. So kriegen die AfD- und Pepita-Spinner wieder ein paar Mitläufer mehr.