Schlaflos

Das Cortison® soll Schuld sein, hörte ich von selbsternannten Experten, an der Schlaflosigkeit nämlich. Wobei ich mich daran schnell gewöhnt habe. Kann schließlich die Zeit immer füllen. Mit lesen, gucken, denken, schreiben, fotografieren, Musik hören (trotz Tinnitus höre ich noch), u.v.a.m. – kein Problem!

Apropos Musik hören: Gerade ist mir eine Scheibe untergekommen, die mich nach langer Zeit wirklich vom Hocker gerissen hat. Das neue Album, die CD des „Bobo Stenson Trios“, Titel: Contra la indecisión. Hat etwas Magisches, einen Zauber, der Bobo Stenson schon immer auszeichnete, zusammen mit Charles Lloyd (von mir nur „Maestro“ und Meister genannt) auf den entsprechenden ECM-Produktionen. Warum sich die zwei getrennt haben, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. Sie passten ideal. 

Egal, diese Scheibe verdient ein ganz großes Publikum. Mindestens so groß wie das jüngste Werk von Gregory Porter: Nat „King“ Cole & Me. Für den ist die Hitmaschine installiert und sein Sohn wird nicht arm aufwachsen müssen. Allerdings wird der Hörer auch vergeblich nach irgendwelchen Überraschungen fahnden müssen in dem ganzen zuckersüßen Bombast, den Porter Cole angedeihen läßt. Musikalisch eine Enttäuschung.

Während Bobo Stenson sogar den Kollegen Steinfeld von der Süddeutschen Zeitung (Feuilleton) zu poetischen Anwandlungen getrieben hat; so schrieb der über die Musik auf Contra la indecisión von tanzenden Seelöwen, glaube ich zumindest. Aber das ist es, was Stenson Musik mit den Hörern macht: Es versetzt sie in eine andere, magische, verzauberte Welt, die nichts mit Fantasy zu tun hat, sondern Assoziation und Erinnerung. Marcel Proust lugt um die Ecke … schwer empfehlenswert jedenfalls für Stunden.