Terror der Werbung

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Aus der Ausstellung „Zeitgenössische Kunst aus dem Centre Pompidou“                   im Haus der Kunst, München © 2016 Frederik Birghan


Gerade eben haben sie es wieder getan, die apokalyptischen Reiter des Marketing. Sie schreien mir ihre unerbetene Botschaft ins Ohr – ob ich will oder nicht. Wenn ich den Ton am Banner ausstelle, trickst mich das Ding dadurch aus, dass es auf atomatische Wiederholung gestellt ist und beim Wiederbeginn natürlich wieder laut wird. Wer Ruhe haben will, muss also gleich den ganzen Computer stumm schalten – oder die Seite fliehen. Diese sich verstärkende Aufdringlichkeit passt in den Trend. Immer dreister springen mir Banner und Fenster ins Gesicht wie Schwinger voll auf die Zwölf. 

Medienkanäle sind vollgestopft mit diesem belästigenden Geschrei auf unterstem Niveau. Kein Wunder, wenn AdBlocker eingesetzt werden und die größten Bewegungen im örtlichen Wasserwerk in den Werbepausen des spannenden „Mega-Blockbusters“ stattfinden.

Kein vernünftiger Mensch möchte dieses Marktgeschrei hören, bzw. sehen. Deswegen wird getrickst. Bei YouTube z.B. gilt ein Clip als gesehen, wenn er 3 Sekunden gelaufen ist. 

Kunst- und feinsinnige Zählungen gehören zum Markenkern der Werbebranche. Agenturen können aus einem breiten Spektrum von Angeboten wählen, die Rechnereien herstellen. Genommen wird, was am besten passt. Und wenn es gar nicht anders geht, wird nach Maß geschneidert.

Am Ende ist nicht nur die Werbebotschaft voller Behauptungen, sondern auch deren vermeintliche Wirkung. 

Im Digitalen, also überwiegend im Internet, ist das Sensorium sehr genau und fein – und braucht es auch. Denn nach Werbewirkung muss dort üblicherweise im Promillebereich gefahndet werden. 

Anders bei Google: Die Suchmaschine genießt Sonderstatus in gleich mehrfacher Hinsicht. Zum einen haben ihr bereits höhere Gerichte einen Dienst für die Allgemeinheit attestiert. Zum anderen muss keiner schreien – der potenzielle Konsument sucht selbst, gibt seine Wünsche proaktiv bekannt. Zwei Drittel der digitalen Werbebudgets landen deshalb dort.

Vielleicht liegt es auch daran, dass die Marktschreierei immer lauter und aufdringlicher daher kommt: Es sind auch die letzten Aufschreie einer ganzen Branche vor der großen Stille.