Tod mit Suff

Es gibt da einen Zusammenhang, der nach meiner bescheidenen Ansicht noch viel zu wenig erörtert und untersucht worden ist: Die enge, fast schon symbiotische Beziehung zwischen dem Kriminalroman und dem Alkohol. Kaum eine Leiche, die nicht irgendwie von Hochprozentigem umweht wäre, kaum ein Tod ohne Suff, Drogen, Pillen.

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Die Viecher schwimmen nicht – mehr, sie liegen in Alkohol, der angeblich genießbar sein soll (Laos, Grenzgebiet Mekong-Delta)

©Frederik Birghan 2004

Henne oder Ei – was war zuerst da: Der Drink oder die Erzählung von einem zunächst rätselhaften Todesfall? Ob Conan Doyle selbst Kokain nahm wie sein Held Sherlock Holmes, weiß ich jetzt nicht. Aber es würde manche Überspanntheit der Romane durchaus erklären.

Bei anderen Ikonografien des Genres dagegen wissen wir nur allzu genau: Der Schöpfer war ziemlich häufig schwer besoffen. 

Raymond Chandler etwa war Akoholiker. Seine Plots waren auch deshalb so rätselhaft und am Ende ziemlich hastig erklärt (in einer langen Suada des Helden), weil der Autor Vernünftiges als Trinker nur in einem schmalen Zeitfenster schreiben konnte; zwischen den ersten Cocktails für das Erreichen des Alkoholpegels, unter dessen Einfluss er wunderbare Szenen und unsterbliche Dialoge schrieb, und dem Zustand der volltrunkenen Unfähigkeit zu allem, lagen teilweise nur wenige Gläser und Seiten. Zusammenhänge, Struktur brachte er da kaum zustande. Erst auf Druck des Verlegers und in wohl ziemlich harten Phasen propfte der Erfinder des Philip Marlowe den Puzzleteilen im Nachhinein einen roten Faden auf. In diesen Zeiten wechselten Zeiten furchtbarer Nüchternheit und Schreiben unter doppeltem Druck (Abgabetermin & Erklärungen für alles finden) mit Totalabstürzen, während derer er teilweise tagelang nicht mehr ansprechbar war.

Bogart hat Marlowe endgültig unsterblich gemacht, als er die Figur auf der Leinwand verkörperte. Natürlich nahm er in der Rolle auch den ein oder anderen Drink zu sich… Robert Mitchum, den ich persönlich als Marlowe noch besser fand, hatte als Schauspieler Erfahrung mit hochprozentigen Rollen. Seine schweren Lider sorgten dafür, dass der Zuschauer sofort einen leichten Schwips zu sehen glaubte, wenn er ein Glas mit Flüssigkeit in der Hand hielt. 

Ken Bruen wiederum kann man sich nüchtern vorstellen. Für seine Hauptfigur trifft das definitiv kaum zu: Sein Jack Taylor leidet nicht nur an der Entlassung aus dem Polizeidienst und der Mutter – er wird durchgehend als klassischer Trinker gezeichnet. Selbst nüchtern, in Trockenphasen, kämpft er ebenso verbissen wie verzweifelt mit seinem Dämon, König Alkohol (Titel eines Buches von Jack London – noch so ein großer Säufer der Literaturgeschichte), und diesem Kampf haftet stets das Scheitern an. Der Leser ahnt, dass Jack wieder zur Flasche greifen und trinken wird. 

Das genaue Gegenteil macht einen Teil der Persönlichkeit von Dave Robicheaux aus, die sich James Lee Burke ausgedacht hat: Robicheaux hat dem Alkohol entsagt, ist trocken. Damit er und die Leser das nicht vergessen, geht die Spürnase regelmäßig zu AA-Treffen, wie die Gesprächsrunden bei den Anonymen Alkoholikern heißen und sagt „Hi, ich bin Dave und Alkoholiker." Seine Dämonen sind zwar vorhanden, doch hat der Mann sie im Griff, so vermittelt es uns Autor Burke. Seine Figur darf gefestigter sein, Hoffnung hegen.

Lassen wir Bennie Griessel hereintorkeln in unser kleines Kabinett. Der südafrikanische Ermittler macht die ganze Karriere: Erst kommt das Trinken, dann die Schwierigkeiten und schließlich der persönliche Tiefpunkt. Der aber katharsisch wirkt, denn Bennie wird nüchtern. Was für Autor Deon Meyer (hervorragend!) der Anlass ist, seinen Helden den vielfältigen Gefahren eines Rückfalls auszusetzen.  Es ehrt Meyer unter anderen Dingen, dass er Griessel immer noch Zukunft und Perspektiven läßt. 

Wie ich jetzt auf Stephen King komme? Na, der Thriller-Maniac bekannte in einem Interview freimütig, dass es schwere Trinkphasen in seinem Leben gegeben hatte. 

Exzessive Säufer sind in der Literatur nicht auf die Genres „Krimi“ und „Thriller“ festgelegt. Dass klassische Belletristik ebenso betroffen ist, Mitglieder genau so besoffen waren, deutete ich ja bereits oben mit dem Beispiel Jack London an: Literaturnobelpreisträger Hemingway etwa ist für seine kurzen Sätze genau so berühmt wie für sehr lange Aufenthalte in diversen Bars der Welt. Etliche werben bis heute damit. Scott Fitzgerald müssen wir ebenso auf diese Runde einladen.

Doch im Genre des Thriller- und Kriminalromans tränkt das Thema Alkohol auch die Inhalte selbst, wie gesehen. 

Wobei interessanterweise saufende Autoren den Alkohol nie problematisieren. Patricia Highsmith etwa, den geistigen Getränken durchaus zugeneigte Schreiberin höchst raffinierter psychologischer Bücher, ließ bereits eine Menge menschlicher Schwächen aufmarschieren – ausgerechnet die Trinkerei gehörte meines Wissens nie dazu.

Auch Philip Marlowe kann mit Drinks umgehen, ganz im Gegensatz zu seinem Schöpfer. Auch Chandlers Panoptikum ist von allerlei menschlichem Makel möbliert: Sexuelle Gier nebst diverser perverser Spielarten wie Pädophilie, Geldgier naturgemäß, Drogenmissbrauch, Ehebruch, Eifersucht, usw. usf. – Säufer allerdings kommen nur am Rande und als eben solche bedauernswerten Randexistenzen ebd. vor.

Mir scheint es eher die nüchterne Fraktion zu sein, die den Säufer in seiner ganzen Bandbreite und seinem kompletten Elend zeichnen mag und kann. Wissenschaftlich abgesichert ist das nicht.

Also Literaturwissenschaftler und Germanisten, hergehört und hergelesen! Wäre das nicht ein lohnendes Feld für Forschung? Thema für Magister-Arbeit oder Promotion? Vielleicht könnte das zuständige Ministerium (Gesundheit, Soziales) ein Scherflein in Form von Fördermitteln beitragen für den guten Zweck? 

Nur so eine Idee an einem kalten Februarwochenende.